XENIA: HELLO STRANGER, BE MY HOST


Cynthia Montier, Johanna Ralser, Jeroen Cavents, Ewa Meister



choose a pillow




Kurator*innen: Johanna Ralser, Jeroen Cavents, Ewa Meister
Künstler*innen: Soheil Boroumand, Vincent Everaerts, Yannick Harter, Artor Jesus Inkerö, Natalia Jordanova, Cynthia Montier, Nemo Nonnemacher, Raiko Sanchez, Lore Sommereyns

XENIA: HELLO STRANGER, BE MY HOST
        Für die Videoperformance Mise en Pli (Hotel Chicoutimi in Kanada, 2017) stattet Cynthia Montier das Raumpflegepersonal eines Hotels mit Stirn-Kameras aus, welche ihr tägliches Ritual in den Gästezimmern dokumentieren. Die Künstlerin verhilft dadurch "unsichtbar" scheinender Arbeit, die hauptsächlich von Frauen verrichtet wird, zu mehr Sichtbarkeit. Indem die Arbeit im Japanischen Palais auf originalen TV-Geräten aus Gästezimmern gezeigt wird, soll nicht nur ein Blickwechsel zwischen Gastgeber*innen und Gäst*innen ermöglicht werden, sondern auch die Kontextualisierung von Kunst erforscht werden. In diesem Sinne wird eine Brücke zu der parallel im a&o Hostel Dresden stattfindenden künstlerisch-kuratorischen Intervention “XENIA: hello stranger, be my guest” geschlagen.

XENIA: HELLO STRANGER, BE MY GUEST
        Als kuratorisches Team möchten wir mögliche Bedeutungen von „Gastlichkeit“ durch eine Dekontextualisierung von Kunst erforschen, indem wir diese ihrer, als natürlich wahrgenommenen „Behausung“ entheben und temporär in die Umgebung des Hostels transferieren. Es ist uns ein Anliegen, eine gewisse Parallelität zwischen dem Begriff der „Gastlichkeit“ und den Eigenschaften des Hotels/Hostels und dessen Gästezimmer zu zeichnen. Dabei sollen etwaige Verknüpfungspunkte zwischen diesen temporären (Raum)Situationen – die sich zwischen den Bereichen des Privaten und Öffentlichen bewegen – und Aspekte der Globalisierung oder (politischen+institutionellen) Definitionen eines vermeintlichen Innen und Außen sowie determinierende Körperpolitiken innerhalb öffentlicher Räume durch unterschiedlichste Beiträge zeitgenössischer Künstler*innen offengelegt und hinterfragt werden. Die Interventionen erstrecken sich über mehrere Hostelzimmer. Durch das individuelle Verhalten der Gäst*innen, die sich frei zwischen den unterschiedlichen Hostelzimmern bewegen, Türen hinter sich schließen und somit Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichen verschieben, tragen diese selbst -vielleicht unbewusst - auf performative Weise zum Konzept dieses experimentellen Ausstellungsformats bei, indem sie zu Gastgeber*innen ihres eigenen, privaten Kunsterlebnisses werden.
        Wir betrachten “Gastlichkeit” als (temporäre) “Schwellensituation“, insbesondere zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten und den Rollen von Gastgeber*in und Gäst*in. Auf der Suche nach Formaten, die außerhalb gewohnter “Kunstkontexte” funktionieren und so andere Formen der Rezeption evozieren und gleichzeitig eine Verkörperung dieser beschriebenen Schwellensituation darstellen, sind wir auf das Hostel/Hotel gestoßen.
        Das Hotel/Hostel ist ein Ort des ständigen Kommen und Gehens, an dem Menschen mit den unterschiedlichsten gelebten Narrativen temporär zusammenkommen, ein Zuhause auf Zeit, Vertrautes in der Fremde. Es kann als ein transitorischer “Zwischenraum” dienen, entfernt vom Alltag, ein Nicht-Ort, eine “Heterotopie” par excellence. Eines der Hauptmerkmale von Hotels/Hostels besteht darin, dass es auf Kontinuität, Vorhersehbarkeit und die Anforderungen der Kunden*innen/Gäst*innen setzt, um die Wiedererkennbarkeit der Marke zu gewährleisten. Schließt eine innere Standardisierung des Hotels/Hostels die äußere Realität/physische Verortung aus? Ein Hotel/Hostel ist dafür vorgesehen, Menschen eine vorübergehende Bleibe zu gewähren. Gäst*innen müssen jedoch im Gegenzug für diese Dienstleistung bezahlen. Inwieweit wird dadurch der aufrichtige Status der Gastlichkeit beeinflusst? Kann sich jede*r diese Art der Gastlichkeit leisten? Beziehungsweise kann sich überhaupt jede*r frei bewegen?

Der Charakter des Hotelzimmers unterliegt einem permanenten Prozess des Übergangs und Wandels, ein abwechselndes Pendeln zwischen Eigenschaften, die dem Privaten und dem Öffentlichen zugeschrieben werden. Kohärent mit jenem Zustand, in welchem sich dieses degenealogisierte Heim befindet, wandelt sich auch die Definition der Gäst*in zu jener der Gastgeber*in. Diese Annahme wiederum lässt darauf schließen, dass es sich bei den Kategorien des Privaten und Öffentlichen um Konstruktionen handelt, die als natürlich wahrgenommen werden und deren kontextuelle Bedeutungen jeweils hierarchischen Ordnungen unterliegen. Eine Infragestellung von „Konstruktionen“ wiederum ist eng verwoben mit der Annahme von Kategorien wie Geschlecht, Heteronormativität, Ethnizität oder Klasse. So können das Öffentliche und das Private nicht nur durch die von den Kategorien hervorgerufenen repressiven Setzungen und Grenzziehungen bedeutsam werden, sondern auch auf möglichen emanzipatorischen Gehalt untersucht werden, etwa durch das Verständnis des Privaten als politisch oder der Einbindung des sich im Öffentlichen und Privaten bewegenden, politischen Körpers. In einer derartigen Auseinandersetzung scheint es unumgänglich, eine Diskussion um eine mögliche Definition dessen, was nun mit dem Öffentlichen und Privaten gemeint sei, zu führen. Ist der öffentliche Raum eine verlässliche Repräsentation der Gesellschaft, als Ort des Konflikts, der Vielfalt und des Austauschs oder wird er primär durch wirtschaftliche Interessen definiert? Wo ist der private Raum angesiedelt und wie beeinflussen die digitalen Veränderungen unserer Zeit all jenes, was wir als privat und öffentlich erachte(te)n? Wie könnten solche Reflexionen durch Kunst im Kontext dieser spezifischen Umgebung des Hostelzimmers öffentlich vermittelt, gleichzeitig aber privat erforscht werden?

Ein Hotel oder auch ein Hostel, trägt unweigerlich auch die Symbolik des Reisens mit sich. Wie gehen wir mit einer Inbesitzname von “fremden” Räumen und Orten um? Das Reisen besteht aus dem süßen Versprechen in “andere” Umgebungen einzutauchen, “andere” Kulturen zu entdecken. Doch was hinterlassen wir und was nehmen wir mit? Was fangen wir mit unseren Augen ein? Ist es ein Geben und Nehmen oder nicht eigentlich lediglich ein Nehmen?
        Es wird deutlich, dass das Hostel eine Vielzahl an Assoziationen birgt, die es lohnt kuratorisch und künstlerisch auszuloten. Dies gelingt durch einen fruchtbaren Austausch aller Positionen, wobei sich das Konzept stetig als “im Prozess” begreift und von den Rezipierenden weiterentwickelt wird. Den wie Xenia, die Gastfreundliche und Fremde zugleich, unterliegen die Rollen einem stetigen Wechsel.

XENIA: HELLO STRANGER, BE MY GUEST
a&o Hostel Dresden
15. – 17.04.2021
In Kooperation mit: stART Foundation, a&o Hostels, a&o Kunsthalle


Curators: Johanna Ralser, Jeroen Cavents, Ewa Meister
Artists: Soheil Boroumand, Vincent Everaerts, Yannik Harter, Artor Jesus Inkerö, Natalia Jordanova, Cynthia Montier, Nemo Nonnemacher, Raiko Sanchez, Lore Sommereyns

XENIA: HELLO STRANGER, BE MY HOST
        For the video performance Mise en Pli (Hotel Chicoutimi in Canada, 2017), Cynthia Montier equipped the room keeping personnel of a hotel with GoPro action cameras that documented their daily ritual inside the guest rooms. In this way, the artist helps seemingly "invisible" work, which is mainly done by women, to become more visible. By showing the work on original TV sets of guest rooms, the aim is not only to enable a change of perspective between host and guest, but also to explore the contextualization of art. In this sense, a bridge is built to the parallel artistic-curatorial intervention “XENIA: Hello stranger, be my guest” taking place at the a&o Hostel Dresden.

XENIA: HELLO STRANGER, BE MY GUEST
        As a curatorial team we would like to explore the meaning of “hospitality” through a decontextualization of art, transferring it from it naturally perceived “home” – the art institution – into the one of the Hostel. It is our concern to draw a certain parallel between the concept of "hospitality" and the characteristics of the hotel/hostel and its guest rooms. In doing so, possible points of connection between these temporary (spatial) situations are to be revealed and questioned through various contributions by contemporary artists. The contributions move between private and public spheres, aspects of globalization, political and institutional definitions of supposed interiors and exteriors, and the determination of body politics within public spaces. The interventions extend across several hostel rooms. While exploring this experimental exhibition format, the visitors themselves will be - perhaps unconsciously - contributing in a performative way through their individual behaviour as guests, moving between the various hotel-rooms, closing its doors and therefore constantly shifting the boundaries between the private and the public. They will become hosts of their own, private art experience.
        We consider hospitality a (temporary) “threshold situation” between the public and private, host and guest. We came to the hostel/hotel in search of formats that could function outside of the usual art contexts, evoking other forms of reception while at the same time representing an embodiment of this threshold situation.
        The hotel/hostel is a place of constant coming and going, where people with different narratives temporarily come together to find a momentary home, a sanctuary abroad. It offers the possibility of leaving behind predetermined roles and taking on new ones. It can serve as an interspace, a space for transition, where one can live a pseudo-life, away from the every-day. It’s a non-place, a “heterotopy” par excellence. The hotel as a symbolically charged place could be understood as a condensation of society, a microcosmos, where every person within the system plays their part in between public and private spaces. One of the key features of hotels/hostels is that they play on consistency, predictability, and the demands of the customers/guests, providing brand recognition. With these considerations in mind, some key questions arise such as: Does an internal standardization of the hotel/hostel exclude external realities and physical location? If a hotel/hostel is meant to provide temporary shelter and guests must pay in exchange for certain hospitality services, to what extent does this influence the sincerity of hospitality? Can everyone afford this kind of hospitality or, more generally, does everyone have the right to move freely?

The character of the hotel-room underlies a permanent process of transition, constantly changing its attributes of a public facility into a temporarily private one. Furthermore - as a degenealogized home - it contains the potential to swap the roles of guest and host. This recognition allows us to reconsider the private and public as categories with contextual meanings subjected to a hierarchical order. These categories seem to be artificial constructs that can be examined, much like concepts of gender, sexuality, race and class. As a result, the public and the private can become significant not only through their ascribed repressive settings and demarcations of borders, but also through the possible emancipatory content of „privacy“ and “publicity“, for example, by understanding the private as political or the integration of the political body moving through the public and the private. In such a debate, it seems inevitable to discuss possible definitions of what exactly is meant by terms like the “public” and the “private”. Is public space a reliable representation of society, a place of contact, diversity and exchange, or is it primarily defined by economic interests? Where is the private space located, especially in regards to the digital changes of our times? How could such reflections be publicly mediated through art in the context of this specific surrounding of the hotel room, while at the same time being privately explored?

A hotel or hostel inevitably carries with it the symbolism of travel. How do we deal with an appropriation of "foreign" spaces and places? Travel often implies the sweet promise to diving into "other" environments as an opportunity to discover "other" cultures. But what do we leave behind and what do we take with us? What do we capture with our eyes? Is it a give and take or just a take?
        It becomes clear that the hostel holds a multitude of associations that are worth exploring in curatorial and artistic terms. This is achieved through a fruitful exchange of all positions, whereby the concept is constantly understood as "in process" and is further developed by the recipients. For those like Xenia, who is both hospitable and foreign at the same time, the roles are subject to constant change.

XENIA: HELLO STRANGER, BE MY GUEST
a&o Hostel Dresden
15. – 17.04.2021
In cooperation with: stART Foundation, a&o Hostels, a&o Kunsthalle